Sarastro-Rundbrief April 2021

Liebe Pamina, hallo Papageno!

Dieser Vorfrühling hat es in sich, denn die Blüte der Alpenveilchen, Lenzrosen und Schneeglöckchen zog sich über viele Wochen. In anderen Jahren konnte es passieren, dass durch ein Warmlufteinbruch in relativ kurzer Zeit der ganze Blütensegen vorüber war. Während ich dir diesen Rundbrief schrieb, ging gerade ein Graupelschauer nieder, und ich verspürte kein Verlangen, nach draußen zu gehen! Ich schaute daher aus dem Fenster und sah meine Magnolie, unter der meine Lenzrosen mit Schneeglöckchen und den Vorfrühlingsalpenveilchen um die Wette blühten. Nun, ich könnte dir heute eigentlich wieder einmal ein wenig über die Lenzrosen und deren Entstehung schreiben!

 

Hast du eigentlich das alte Blattwerk deiner Lenzrosen schon abgeschnitten? Ich bin ja ein starker Verfechter des Abschneidens, denn die Blüten präsentieren sich wesentlich schöner, ganz besonders, wenn du schon ältere, reich blühende Horste dein Eigen nennst. Außerdem ist dies eine wichtige Gartentherapie für deine Gesundheit, die Anstrengung hält sich hierbei in Grenzen, man ist an der frischen Luft, lediglich ein wenig Bücken kann Qualen hervorrufen, wenn du diese Arbeit nach dem Winter nicht mehr gewöhnt bist. Momentan stehen die Lenzrosen bei uns in Vollblüte, sowohl im Schaugarten, als auch bei der Verkaufsware. Komm und schaue selbst, du wirst zumindest einen leichten Kniefall machen! Vielleicht findest du Gefallen an den gefüllt blühenden, ich bevorzuge lieber solche mit einfachen Blüten mit klaren, reinen Farben, von Gelb über Rosa bis hin zu den pflaumenfarbigen und schwärzlichen, wie im dritten Bild unten, aber dies alles ist schließlich eine reine Geschmackfrage.

gefuellte gelbe Lenzrose

gestreifte Lenzrose

gefuellte pflaumenfarbige Lenzrose

schwaerzliche Lenzrose

Nun aber kurz etwas zur Geschichte. Damals vor genau 25 Jahren, als ich mich selbständig machte, steckte das Thema Lenzrosen zumindest in „Continental Europe“ noch tief in den Kinderschuhen. Einige Staudengärtner hatten zwar schon bescheidene Bestände, andere mir wohl bekannte Kultivateure winkten hingegen ab, wenn wir über Lenzrosen sprachen, diese Kultur sei viel zu aufwändig und zu langwierig, das würde sich nie rechnen. Lediglich Helleborus niger, die weiße Christrose, bekam man immer schon in ausreichender Stückzahl, ansonsten war das Angebot eher bescheiden und reine Wildarten waren ohnehin kaum zu finden. Es stimmt schon, vom Samenkorn bis zur ersten Blüte vergehen schon Minimum zwei Jahre und man muss dabei sein Auge insbesondere auf deren ausgewogene Ernährung und die Gesundheit der Pflanzen richten.

Auf einer Reise durch England sah ich Anfang der 90er-Jahre wunderschön ausgefärbte Zuchtrichtungen, beispielsweise bei Elizabeth Strangman, bei Ashwood Nurseries in der Nähe von Birmingham, aber auch schon in Holland bei Hans Kramer und einigen privaten Sammlern, ich war damals schwer beeindruckt. Angefangen hatte diese Zucht aber schon viel früher, bei Helen Ballard, der „Helleborus-Queen“, sie begann schon sehr bald mit dem Selektieren der Lenzrosen. Dadurch, dass einige Wildarten in die Zucht miteinbezogen wurden, entstanden jene begehrten, gelben und schwarzen Farben, aber auch die anemonenblütigen, die „Plicatus-“ und „Guttatus“- Formen, also die Gerandeten und solche mit gefleckten Blüten. Helen Ballard übergab in hohem Alter ihre gesamte Sammlung an Gisela Schmiemann in Köln, Jahre später übernahm Peter Janke in Hilden die Weiterführung dieser Linie der Lenzrosenzucht. Und einige mir bekannte Plantsmen aus Großbritannien reisten Anfang der 90er-Jahre sogar während des Bürgerkrieges durch Ex-Jugoslawien, sie suchten in Bosnien und Kroatien unter Lebensgefahr nach besonders schönen Typen von H. torquatus und H. hercegovinus und frohlockten unter Geschützdonner „Yes, now I found the true one!“. Typisch englischer Galgenhumor!

Noch heute hängt eine Postkarte von Elizabeth Strangman an meiner Pinwand, auf der einzelne Helleborusblüten zu sehen sind, damals die unerreichte Spitze der Lenzrosenzucht, heute jedoch ist dies weitestgehend Standard. Dies bewirkte aber eine jahrzehntelange, konsequente Selektionsarbeit! In der heutigen Zeit haben Züchter wie Thierry Delabroye in der Normandie in Frankreich und ganz besonders einige Japaner die Nase vorne, unglaublich, was dort an Schönheiten selektiert wurde.

Inzwischen können Lenzrosen an vielen Orten erworben werden, in Gartencentern und fast schon an jeder Tankstelle, wie ich manchmal spöttisch behaupte. Aber wir sollten zwischen Lenzrosen und Lenzrosen unterscheiden lernen! Im Gegensatz zu anderen Stauden können Lenzrosen ausschließlich durch Samen vermehrt werden, dessen Keimkraft rapide abnimmt, wenn du ihn nicht bald aussähst. Lenzrosensamen erinnern mich in ihrem Aussehen stets an Mäuseköddel! Die Nachkommen, welche durch die Aussaat entstehen, besitzen meist eine gewisse Schwankungsbreite, was Ausfärbung und Intensität der Blüten anbelangt. Dies macht die Sache erst so richtig spannend, noch dazu kann dein Faible für Farben und Blütenformen vollkommen anders ausgeprägt sein als meiner! Diese durch Samen vermehrten Lenzrosen sind wüchsig, gesund und vital, vor allem aber langlebig! Neuerdings werden jedoch gute Typen im Labor künstlich vermehrt, auch unter Einkreuzung kaum winterharter Arten aus dem Mittelmeerraum (Helleborus lividus), dadurch entstehen schöne Topfstauden für deinen Hauseingang, aber es hat sich herausgestellt, dass genau jene laborvermehrten Lenzrosen alles andere als ausdauernd und winterhart sind. Ich selbst habe diese negative Erfahrung mit diesen Sorten noch nie gemacht, aber mir wurde schon von etlichen Seiten davon berichtet. Diese Kurzlebigkeit laborvermehrter Pflanzen ist ja nichts Neues, wir kennen dies zur Genüge auch von anderen Staudengattungen.

Die Lenzrosen (Helleborus x hybridus) entstanden aus Helleborus orientalis aus dem Kaukasus, welche mit H. odorus, H. multifidus und weiteren Arten gekreuzt wurden. Die großblumigen Gartenformen sind Starkzehrer und schätzen nährstoffreiche, lehmig-humose Gartenböden, du darfst also deinen ausgereiften Kompost gerne zwischen ihre Füße herum verteilen. Auch mögen sie Hornmehl und dergleichen, falls du keinen Kompost zur Hand haben solltest. Zu sauren Boden solltest du allerdings meiden, also Finger weg von Torf oder Rinde, ebenso keinen zu alkalischen Untergrund, da sonst lebenswichtige Nährstoffe blockiert werden. Der klassische Standort in deinem Garten wäre in einem Beet an einer Nord- oder Ostseite einer Buchen- oder Hainbuchenhecke zu suchen, aber du kannst Lenzrosen auch unter hohen, tiefwurzelnden Bäumen pflanzen. Und wenn du im Besitz von Haselsträuchern bist, dann ist dies wohl der allerbeste Standort für deine Lenzrosen! In meinem Garten stehen sie zwischen Frühlingknotenblumen und Bärlauch, und wo noch Platz ist, machen sich Cyclamen und Schneeglöckchen breit. An deiner Stelle würde ich unterschiedliche Farbtypen nebeneinander kombinieren und den Pflanzen genügend Raum zugestehen, damit sie sich auch gut entwickeln können. Was Lenzrosen überhaupt nicht mögen, ist Wurzeldruck unter flachwurzelnden Bäumen, dort tun sie sich enorm schwer überhaupt Fuß zu fassen! Wenn deine Lenzrosen nach mehreren Jahren immer noch keinen Zuwachs bekamen, weißt du, dies kann eine der Ursachen sein.

Bestäubt werden Lenzrosen von Bienen, aber besonders auch von Hummeln. Wenn deine Lenzrosen verblüht sind, machen sich meist Läuse auf den noch grünen Samenkapseln breit. Die brauchen dich nicht weiter zu stören, die verschwinden so schnell, wie sie gekommen sind! Dann aber werden die Samen reif und nun gibt es zwei Möglichkeiten, um gelassen in die Zukunft zu blicken. Entweder du lässt die Samen von selbst ausfallen und Mutter Natur sorgt mit Hilfe der Ameisen, dass dich reichliche Nachkommenschaft beglückt, allerdings weit mehr, als dir wahrscheinlich recht sein wird. Diese aufkeimende Jungbrut unter deinen schönen Lenzrosen kann nämlich nicht nur lästig sein, weil sie dir deine schönen Neuerwerbungen arg in Bedrängnis bringt, sondern diese Nachkommen sind meist auch farblich nicht immer von berauschender Schönheit. Am besten, du gräbst sie aus, sobald sie ihre ersten Laubblätter zeigen und topfst sie, um sie nachher zu begutachten oder du pflanzst sie direkt an unterschiedlichsten Stellen deines Gartens, nach dem Motto „Kommt Pflanze, kommt auch Platz!“ Ich kenne Gärten, wo ganze Flächen voll mit Lenzrosen sind, und das über viele Jahrzehnte! In meiner ursprünglichen Heimatstadt Laufenburg am Hochrhein befindet sich ein Hanggarten eines Schlösschens, an dem Hunderte von Lenzrosen sich unter hohen Bäumen mit der Zeit breitgemacht haben. Oder du schneidest die Samenkapseln rechtzeitig ab, solange sie noch grün sind, dann wird dir keine Nachkommenschaft lästig werden!

Achte bei deinen Lenzrosenkäufen auch darauf, dass dich die Blüten wenigstens von der Seite her ansehen. Die allermeisten nicken nämlich, ihre wahre Schönheit offenbaren sie erst, wenn man die Blüte nach oben dreht, ähnlich wie bei den Schneeglöckchen. Unsere Lenzrosen stehen derzeit in 3-Liter-Container und sind meist mehrtriebig. Wenn du eine geeignete Stelle im Garten gefunden hast, dann nimm den Spaten zur Hand, lockere das Erdreich gründlich auf und mische Kompost unter die umgegrabene Erde. So bekommen deine Neuerwerbungen einen optimalen Start.

Apropos Galanthus. Dieses Jahr hat es einen wahren Run auf unsere Schneeglöckchen gegeben, so dass wir bald genug die Reißleine ziehen mussten. Du weißt ja, dass Gartenschneeglöckchen ausschließlich durch Teilung vermehrt werden. Viele Sorten wachsen nur sehr bescheiden, daher ist das Vermehrungspotential ebenfalls nicht unbegrenzt. Ich muss mir sogar überlegen, ob ich nicht kommendes Jahr mit dem Verkauf eine Saison lang aussetzen sollte!

Vorfruehlingsalpenveilchen

Beglückende Vorfrühlingsgefühle bereiten mir jedes Jahr die Vorfrühlingsalpenveilchen. Auch hier rate ich dir zu Geduld, der wichtigsten Tugend eines Gärtners. In unserem Schaugarten hat es sehr lange gedauert, aber jetzt endlich breiten sie sich in beeindruckender Anzahl aus. Auch hier erledigen die Ameisen die Verteilarbeit, denn die Samen keimen an den unmöglichsten Stellen, wo man sie meist nicht vermutet.

Ich kann es kaum mehr erwarten und darf es dir gerne noch einmal ankündigen! In wenigen Wochen erscheint mein neues Buch, welches aus den Rundbriefen an dich entstand. Diese wurden ein klein wenig aktualisiert, ansonsten aber original übernommen, einige Bilder habe ich außerdem ausgetauscht. Du und deine Freunde waren nicht ganz unschuldig, dass ich dieses Projekt in Angriff nahm, denn ein neues Buch ist immer ein Wagnis. Es sind dies sozusagen die Top 20 meiner Rundbriefe!

Das Buch erscheint im Eigenverlag und heißt:

„Liebe Pamina, hallo Papageno!

Rundbriefe eines Staudengärtners

Tipps, Tricks und Tratsch aus der Staudenwelt

Ich informiere dich noch rechtzeitig über die Seitenanzahl, den Preis und vor allem den Vertrieb. Du kannst dieses wahrlich originelle Buch bei uns in der Gärtnerei erwerben oder dir zuschicken lassen, gerne auch bei deinen Pflanzenbestellungen. Es ist für dich sicher eine schöne Erinnerung an unsere Briefe, in gedruckter Form und eine persönliche Widmung ist dir in jedem Fall sicher!

Der Versand hat bei uns voll eingesetzt, wurde aber immer wieder durch Schneeschauer unterbrochen. Bitte sei daher nicht ungehalten, wenn dein Paket etwas später kommt, es ist ja sowieso noch nichts aus der Zeit und du kannst ja noch bis in den Juni hinein bestellen!

Ich wünsche dir einen wundervollen Frühlingsbeginn, vor allem ein sinngebendes Osterfest und genieße die erwachende Natur. Und vor allem bleibe bitte gesund!

 

Dein Staudengärtner Sarastro

Christian Kress 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Christian H. Kreß und Mitarbeiter