Gartenreisen

Chelsea 2013

Dortmunder sahen großes Event und Gärten der Weltklasse

Eine Hundertjährige bleibt jung: Die Reise
zur Chelsea Flower Show lohnt immer noch

Hundert Jahre alt zu werden ist eine Feier wert: 1913 öffnete die Chelsea Flower-Show erstmals ihre Pforten und lockt seitdem jährlich viele Flugzeug-, Zug- und Schiffsladungen voller Touristen an, die sich dieses Highlight britischer Gartenshow nicht entgehen lassen wollen. Die Dortmunder Staudenfreunde haben – animiert durch ihre neue Leiterin Sabine Zentek, schon im Herbst den Termin im Kalender rot angekreuzt. Damit sich die Anfahrt lohnt, gab es das Wochen-Besichtigungsprogramm dazu: elf Gärten mit großen Häusern, meist historische Anlagen des National Trust und beeindruckend genug, um Filmkulisse zu sein, zwei Stadtbummel in nostalgischem Ambiente, ein Kirchenbesuch mit Blick auf klassisch-moderne Kunst, zwei verführerische Stippvisiten in einer Gärtnerei und bei einem Töpferwarenhandel mit mediterraner Terrakotta forderten gute Kondition und solides Schuhwerk.

Klassische Skulpturenschau am Godinton HouseKlassische Skulpturenschau am Godinton House

Bereits am ersten Nachmittag stand eine große Gartenpforte offen: Godinton ist auch einer dieser großartig restaurierten Landsitze mit Fünf-Hektar-Grundstück drum herum. Das über 500 Jahre alte Anwesen in der Grafschaft Kent im Besitz der privaten Stiftung „Godinton House Preservation Trust“ wird von der Historic Houses Association betreut. Der Garten rund um das Haus ist ein selten konsequentes Beispiel eines streng formalen, geometrischen Stils. Schon im Eingangskarree waren die Besucher aus Westfalen von den vier  Ahornbäumen  mit farbigen Blättern begeistert, deren Kronen dachförmig geschnitten waren.

Godinton HouseGodinton HouseDas Design sowohl für eine Hausrenovierung wie auch das Außengelände wurde um 1900 von dem Architekten, Autor und Gartengestalter Sir Reginald Blomfield entworfen, der entschiedener Anhänger architektonisch gestalteter Gärten war. Rund um das auf mittelalterlichen Mauern gegründete Gebäude, dessen Inneres gleich alt wirkt, aber zum Teil erst im 18. Jahrhundert in diesem Stil geschaffen wurde, finden sich terrassierte Rasenflächen. Den immergrünen Rahmen bilden Formschnitthecken und Gehölze. Klassische Statuen wie der Hirtengott Pan, die Fruchtbarkeitsgöttin Ceres, die Symbolfiguren der vier Kontinente und am Teich diverse Putti, die auf Delphinen reiten, setzen Akzente.

Pots and PithoiPots and PithoiVerschiedene Gartenräume, einer den Rosen gewidmet, einer dem klassischen italienischen Stil, einer der Kombination aus Strauchrosen und Stauden bieten Abwechslung beim Durchwandern. In größerer Entfernung zum Haus nähert sich die Gestaltung der Natur an. Extensive Baumpflanzungen gehen in die umgebende Parklandschaft über. Sabine Zentek und andere Reiseteilnehmer waren beeindruckt von den teilweise uralten Bäumen im Außenbereich, denen gerade riesige blaue Hasenglöckchen-Teppiche zu Füßen lagen. Letztere sind typisch für englische Wälder im Frühling. Auf dem Weg zum Hotel gab es einen Zwischenstopp bei "Pots and Pithoi", wo kretische Amphoren, antik und neu, zu sehen waren (Bild rechts). Töpfereien dieser Art verleihen Gärten an der Nordsee einen Hauch von Mittelmeer.

Arboretum der Extraklasse und Gen-Bank

Wakehurst PlaceWakehurst PlaceAm zweiten Tag stand als erstes eine bedeutende Einrichtung auf dem Programm: Wakehurst Place in Ardingly, seit 1965 der zweite Sitz des Royal Botanic Gardens, dessen 1759 gegründeter Hauptsitz Kew Gardens in London bekannter ist. Das in West-Sussex gelegene Wakehurst ist vor allem Arboretum (Gehölzsammlung) und doppelt so groß wie Kew Gardens. 1903 erwarb Gerald Loder, der spätere Lord Wakehurst, das Anwesen und pflanzte eine riesige Kollektion von Bäumen an, darunter viele Exoten aus Amerika, Australien und Neuseeland. Die Gehölze sind nach diversen Kriterien gruppiert, z. B. nach Gattung, Lebensraum oder Topographie. 1999 fällte Orkan Lothar 25.000 Bäume. Trotz der hohen Verlustrate ist der Gehölzbestand immer noch umwerfend vielfältig; unterschiedliche Silhouetten von Laub- und Nadelhölzern  zeichnen vertikale Linien ins gewellte Gelände. Die westfälischen Gäste waren tief beeindruckt. Ein Landschaftspark in weiter Parklandschaft – so stellt man sich Englands ländliches Grün vor.

 

 

Wakehurst PlaceGut zu wissen: an diesem Ort befindet sich eine der wichtigsten Pflanzen-Genbanken weltweit. Die im Jahr 2000 gegründete „Millenium Seed Bank“ beherbergt – tiefgekühlt – die Samen von 25 Prozent aller Samenpflanzen. Vor diesem Gebäude mit seinem Naturschatz in den Kellerräumen fielen der kunstbegeisterten Sabine Zentek die großen, steinernen Samen-Objekte des Bildhauers Peter Randall-Page auf.

Der Bus fuhr nach diesem Besuch bereits deutlich voller weiter – mit pflanzlichen Passagieren! Die beiden in delikaten Pastelltönen blühenden Rhododendren traten ihre Reise auf Vorzugsplätzen an, wie man sieht: von Wakehurst sollte es unbeschadet ins Ruhrgebiet gehen. (Foto: Jakubowski)

Rhododendren on tourRhododendren on tour

Familienheim mit 365 Zimmern von königlicher Kusine

Knole House (Statue)Knole House (Statue)Ein Kulturdenkmal erster Kategorie und damit eins der wichtigsten historischen Herrenhäuser des „National Trust“ war die zweite Adresse: das am Stadtrand von Sevenoaks gelegene „Knole House“, über 400 Jahre (bis 1945) im Besitz der Familie Sackville.  Im 16. Jahrhundert war es Thomas Sackville  von seiner Kusine, Ihrer Majestät Elisabeth I., geschenkt worden. Das auf einem Hügel gelegene Schloss ist übrigens ein „Kalenderhaus“. Was das ist? Ein Jahr hat 365 Tage, 52 Wochen und die Woche sieben Tage. Knole House hat 365 Zimmer, 52 Treppen und sieben Höfe. Wie man sieht – die Sackvilles hatten Platz. Kein Wunder, dass die bekannte Autorin und Gartengestalterin Vita Sackville-West es nie verwunden hat, dass sie als Frau das Erbe nicht antreten durfte. Selbst ihr später erworbenes, inzwischen vielleicht sogar berühmteres „Sissinghurst Castle“ tröstete sie nicht völlig darüber hinweg.

Am Kriegsende übergab Lord Sackville Haus mit Garten und das angrenzende 10 Hektar große Gartenstück an den National Trust. Allerdings haben die Sackvilles in einem Teil des Hauses als Untermieter ewiges Wohnrecht behalten. Auch der eigentliche Park ist nach wie vor Privatbesitz.

Die Anlage hat eine ganze Truppe vierbeiniger Bewohner. Eine Herde von ca. 500 Damhirschen hilft durch eifriges Äsen, den Rasen kurz und wilden Baumaufwuchs klein zu halten. Die Vorfahren dieser eleganten Alternative zum nützlichen Schaf lebten schon vor Jahrhunderten hier. Auf den insgesamt 378 Hektar rund um Knole Haus haben sie genug Auslauf.

Knole HouseKnole House

Die Dortmunder Besucher ließen sich nicht die Chance entgehen, auch das prachtvolle Innere der zur Besichtigung freigegebenen Gebäudeteile anzusehen. Sabine Zenteks persönlicher Eindruck: „Es ist für uns Besucher eine Wohltat, während der Schritte durch die üppigen, pompösen und voll gestellten Räume immer wieder in die grüne Außenwelt schauen zu können.“

Gärtnerei verführte mit Schaugarten zum Kaufrausch

Eine Gärtnerei der Extraklasse wartete am folgenden Morgen auf die Staudenfreunde: „Merriments Garden“ wurde seit den 90er Jahren aufgebaut, ist also noch ein junges Unternehmen. Eine hierzulande seltene Schauanlage gehört dazu. Sie besteht aus Elementen wie dem sehr gelben „Golden Border“, dem „Hot Border“ in Rot und Orange und dem  neuesten Gestaltungsvorschlag, einem „Blue Gravel Border“, das ist ein Kiesgarten mit eingestreutem blauem Glasgranulat. Ideen für Gestaltung mit Wasser gibt es auch (Bild links). Die dazugehörige Gärtnerei mit ihrem Pflanzenangebot fand großen Zuspruch; der Busfahrer geriet in Panik und war erleichtert, als der Wald an neu eingekauften Gewächsen untergebracht war. Auch Sabine Zentek, die schon fürchtete, als Spaßverderberin auftreten zu müssen, war letztlich froh: Fahrer Ferdi habe seinen Widerstand gegen „das bedrohlich zunehmende Grünzeug im Bus zum Glück nach und nach aufgegeben“.

Merriments Garden and NurseryMerriments Garden and Nursery 

 

 

 


Das Werk der großen Vita - immer noch unerreicht

Sissinghurst CastleSissinghurst CastleNach der Einkaufsorgie reihten sich die Staudenfreunde in die Besuchermengen ein, die alljährlich die wohl bekannteste Gartenadresse des Vereinigten Königreiches beglücken: Sissinghurst Castle, das Werk von Vita Sackville-West und ihrem Ehemann, dem Diplomaten Harold Nicholsen. Die unkonventionelle, selbstbewusste Frau gehörte zu den prominenten Autorinnen ihrer Zeit; schließlich schrieb sie regelmäßig Gartenkolumnen im „Observer“.Sie erschienen später in Buchform. Außerdem verfasste sie auch Romane und Kurzgeschichten. Das im Vergleich zu ihrem gigantischen Geburtshaus Knole eher bescheidene Sissinghurst war 1930, als sie es erwarb, völlig herunter gekommen, der Park verwildert.

Sissinghurst CastleSissinghurst CastleEs gelang ihr mit Unterstützung ihres Partners, daraus bald einen Vorzeigegarten zu machen. Er ist Paradebeispiel für  raffinierte Aufteilung eines Geländes und  die Unterteilung in Gartenräume. Hier stimmt einfach alles – die Sichtachsen, die Proportionen, die Komposition aus formalen und „wilden“ Elementen. Sabine Zentek zollt der allgemein in den Medien vertretenen Meinung, dies sei „der schönste Garten Englands“, Anerkennung (obwohl sie selbst Great Dixter vorzieht). Für den mitreisenden Gerhard Golak ist Vitas Schöpfung  „einer der beiden schönsten Gärten“. Letzterer hat ihn bereits zum dritten Mal besucht und festgestellt: „Er gefällt mir von Mal zu Mal besser.“

Sissinghurst CastleSissinghurst Castle

Rye: Stippvisite in "good old England"

RyeRyeNach diesem Höhepunkt wäre mit Goodnestone ein weit weniger bekannter Ort Besuchsziel gewesen. Es gibt Leute, die behaupten: „Das ähnelt Sissinghurst ohne die Besuchermengen“.Doch da das echte Sissinghurst die westfälischen Gäste zu lange fesselte, hätte dieses Unternehmen den Zeitrahmen gesprengt. Als Alternative bot sich eine Stippvisite des historischen Städtchens Rye an, das einen liebevoll hergerichteten, nostalgisch anmutenden Ortskern hat. Es gab manches zu sehen, was noch aus „good old England“ bis ins Mittelalter zurück stammt. Tee, Scones und Souvenirs versüßten den Stadtbummel.

"CFS": die Show geht nicht ohne Royals

Trailfinders Australian GardenTrailfinders Australian GardenDer Donnerstag stand dann ganz im Zeichen des Hauptziels, der Chelsea Flower Show, die sich für eine Hundertjährige mehr als gut gehalten hat. Das alle Jahre wieder im Mai stattfindende  Ereignis lockt jeweils im Schnitt 160.000 Besucher aus vielen Ländern auf  das Gelände des Londoner Royal Hospitals. Die „CFS“ ist eine Institution im kulturellen Leben der Briten, an der sich natürlich auch die königliche Familie beteiligt. Das zeigte sich bei den Themengärten, deren Herstellung im Schnitt jeweils 170.000 Euro kostet. Eine Riesensumme für eine Anlage, die nur eine Woche besteht. Für die Designer lohnt es sich wohl trotzdem, sich hierfür auf die Sponsorensuche zu machen. Hier entstehen neue Trends und die Karrieren für Gartengestalter. Einen Hauptpreis gewann der „Trailfinders Australian Garden“. Ein beeindruckender Entwurf mit rustikalen Materialien wie Naturholzleiter und Wellblech – ganz wie im Outback. Grasbäume und Baumfarne machen sich gut dazu, aber wäre so etwas in Europa machbar? Nicht überall, das steht fest. Es sei denn, im Gewächshaus.

Sentebale „Forget-me-not-garden“Sentebale „Forget-me-not-garden“In den Medien wurde der „Forget-me-not-garden“, der Prinz Harrys Stiftung „Sentebale“ in Szene setzt, viel beachtet. Dieser Name heißt „vergiss mich nicht“.Damit sind arme und von HIV bzw. AIDS betroffene Kinder im ehemaligen südafrikanischen Königreich Lesotho gemeint. Ein gerundeter Pavillon auf eben solchen Treppen und eine kreisförmige Beton-Insel mit eingeritzten südafrikanischen Mustern erinnerten an die  traditionellen Rundbauten und Schmuckmotive dieser Region. Sogar ein Königspaar in Gartenzwergformat war zu sehen. (Erstmals waren Gartenzwerge zugelassen). Sabine Zentek, die gesteht, selbst einmal welche besessen zu haben, fand das lustig. Ob der manchmal nicht so brave Prinz Harry damit ein heiteres Porträt der eigenen Familie zeigen wollte? Oder war es wohl doch eher ein Hinweis auf die untergegangene Monarchie in Lesotho?  Nicht vergessen werden sollte eine Leitpflanze des „Forget-me-not-gardens“. Raten Sie mal – es war das Vergissmeinnicht!

CFS AusstellungsfotoCFS AusstellungsfotoIm großen Pavillon waren dagegen jede Menge Pflanzen, Beispiele für ihre Verwendung sowie neue Züchtungen zu begutachten. Vor allem für Floristen gab es sensationell aussehendes Rohmaterial zu entdecken. Sabine Zentek war von neuen Lupinen beeindruckt: „Sie sehen aus wie künstlich, sie sind beinahe zu schön.“ Perfekte Blütenpracht hat Tradition an diesem Ort. Als die Regionalgruppenleiterin vor Jahren zum ersten Mal bei einer CFS dabei war, wollte sie den Pavillon schnell wieder verlassen, weil sie sich keine künstlichen Blumen angucken wollte. Übrigens: gut die Hälfte der Dortmunder Reisegesellschaft war zum wiederholten Mal bei einer Chelsea Flower Show.

All Saints ChurchAll Saints ChurchMaler-Poet Chagall verzaubert Kirchenraum

Am späten Nachmittag war noch ein wesentlich stillerer Ort das Ziel: die Kirche „All Saints“ in Tudeley. Was macht dieses sakrale Bauwerk so besonders? Kein geringerer als Marc Chagall, einer der großen Klassiker in der bildenden Kunst des 20. Jahrhunderts, hat die 12 Glasfenster entworfen, die mehr als Licht in den Innenraum bringen: Seine farbenfrohen, heiter phantastischen Szenen wirken auf diesem Material noch strahlender als auf Papier oder Leinwand und prägen die Stimmung im Kirchenraum. Der Maler-Poet, wie der russisch-jüdische Wahlfranzose  auch genannt wurde, kam relativ spät zur Glasmalerei; es gibt außer in Tudeley noch einige Beispiele dieser Arbeiten in anderen Gotteshäusern.

Darum reden Engländer so viel vom Wetter:
Wenn Katzen und Hunde vom Himmel fallen...

Am folgenden Morgen zeigte sich das berühmte englische Wetter so, wie alle Gartenreisenden es fürchten. Sabine Zentek fiel die Redensart „It’s raining cats and dogs“ ein. Eine gruselige Vorstellung, die zeigt, wie leidgeprüft die Briten in dieser Hinsicht sind. Das vom National Trust betreute Heim eines großen britischen Staatsmannes stand als erstes auf dem Programm: Chartwell. Das repräsentative Landhaus nebst Ländereien und Nebengebäuden wurde 1922 von Sir Winston Churchill und seiner Frau Clementine erworben. Der Spross einer Adelsfamilie, der seinem Land auf zwei Ministerposten und als Regierungschef in schweren Zeiten diente, empfing hier regelmäßig Gäste aus Politik und Geistesleben. Im Landschaftspark rund um das Haus legte Churchill einen großzügigen Wassergarten an. Ein Lieblingsplatz des Politikers befand sich am Rande eines Wasserbeckens. Dort fütterte er seine Fische. Seine Frau war für den Rosengarten zuständig.

Es gab auch einen traditionell ummauerten Küchengarten. Bei der Erstellung der Mauer soll Sir Winston selbst Hand angelegt haben. Dort stand ein Kinderhaus für Tochter Mary, wo die Kleine selbständig Kuchen backte. Es wird erzählt, dass alle Gäste zunächst in Marys Cottage Gebäck probieren mussten, bevor es ins Haupthaus ging.

Daheim war Staatsmann Churchill auch Maler

ChartwellChartwellIm Hausinneren zeugt das Atelier davon, dass der Staatsmann auch ein ambitionierter Maler war. Churchill lebte bis zu seinem Tod 1965 hier. Leider hatten die Dortmunder an diesem Tag keine Gelegenheit, sich die Innenräume anzusehen. Schade, fanden Sabine Zentek und viele andere, nicht nur wegen des Dauerregens, sondern auch wegen der Bedeutung des Anwesens und seiner Bewohner.

Im Bus wärmten sich die Staudenfreunde auf, während sich das Wetter auf der Weiterfahrt weiter verschlechterte. Das Ziel, „Emmets Garden“ liegt zudem mit 180 Metern auf einem der höchsten Punkte der Grafschaft Kent und ist als Sturmhöhe bekannt. Macht der Wind Pause, gibt es dichten Nebel. Alle hoffen auf den „Tea-Room“, der einen guten Ruf hat. Als die Dortmunder ihr Ziel erreichten, wartete eine National-Trust-Mitarbeiterin auf dem Parkplatz. Was Regionalgruppenleiterin Zentek verblüffte: die nette Lady entschuldigte sich für die nasskalten Umstände. Auf der Insel wird man immer wieder überrascht. Trost für die Gäste: am Tag zuvor war es noch schlimmer – da schneite es sogar. Die wetterfestesten Teilnehmer machten sich unter dem Schutz von Schirm und wasserdichter Kleidung daran, das Anwesen, dessen Park Ende des 19. Jahrhunderts angelegt wurde, zu erwandern.

Regenwanderung in Höhenlage bot tolle Aussicht

Emmetts GardenEmmetts GardenDie Mühe wurde belohnt. Was Frederick Lubbock, der das Edwardianische Anwesen nebst Gelände 1893 erwarb, geschaffen hat, kann sich sehen lassen. Es entstand ein typischer Park des ausgehenden 19. Jahrhunderts mit vielen exotischen Gehölzen und spektakulären Aussichtspunkten. Neben dem klassischen Rosenareal gibt es noch einen Felsengarten. Der zeugt von der Vorliebe der Engländer dieser Epoche für alpine Landschaft und Gewächse.


Great Comp GardenGreat Comp GardenGreat Comp in Platt war der dritte und letzte Garten des Tages, den der Reisebus ansteuerte. Es ist eines der wenigen Anwesen, die auf dieser Reise nicht die Weihe der National Trust- Zugehörigkeit vorweisen konnten. Die Immobilie mit immerhin sieben „acres“ drum herum stammt aus dem 17. Jahrhundert. Die heutige Anlage wurde von Joy und Roderick Cameron ab 1957 geschaffen. Es gibt alles, was man in englischen Gärten als „Must“ erachtet: Vielfalt an Gehölzen, Stauden, winterharte und nicht winterharte Gewächsen. Dazu eine Komposition mit Sichtachsen, Hecken, klassisch-strengen im Gegensatz zu naturnahen Strukturen. Was ist Besonderes an diesem von einem privaten „Charitable Trust“ betreuten Gelände? Die Ruinen! Sie sind beileibe nicht so alt, wie sie aussehen. Vielmehr hat sie der inzwischen verstorbene Besitzer Cameron eigenhändig erbaut.

 

 


Neue Ruinen statt echter Vergangenheit

Am Samstagmorgen ging es gleich nach dem nahrhaften Frühstück ins Städtchen Tunbridge Wells mit nostalgischem Ortskern und modernem Shopping-Angebot. Dass es dabei manches zu entdecken gab, was man auf dem Kontinent so nicht findet, zeigt unten stehendes Foto. Die gutgelaunte Lady im originellen Dress präsentiert stolz ein Symbol britischer Lebensart: die Teekanne! Die Kultur rund um dieses Nationalgetränk spielt in ihrem Shop eine Hauptrolle.

Tunbridge WellsTunbridge Wells

Danach fuhr der Bus Richtung  „Pashley Manor“ weiter. Das ist eine Adresse in Ticehurst, an der Grenze zwischen Ost-Sussex und Kent, die mehr bietet als historische Gebäude und mit viel Aufwand (und Geld) hergestellte Parkanlagen. Es ist die Präsentation zeitgenössischer Kunst, die dieses Projekt einmalig macht.

Nostalgischer Ortskern verführt zum Shopping

Die ältesten Gebäudeteile datieren aus der Zeit um 1550; um 1720 wurde das Haus erweitert. Das Anwesen  wurde durch seine heutigen Besitzer, das Ehepaar Sellick, in den letzten 20 Jahren modernisiert und ist seit 1992 der Öffentlichkeit zugänglich. Mit Hilfe des Landschaftsarchitekten Anthony du Gard Pasley  und einem Team von Gärtnern wurde das Gelände in den letzten 20 Jahren wieder in glänzende Verfassung gebracht. Es gewann bereits sieben Jahre nach Beginn der Renovierung, 1999, den „Christies Garden of the Year Award“, der alljährlich von der Historic Houses Association (HHA) vergeben wird.

Romantische Landschaftsbilder, alter Baumbestand und Wasser in allen Formen gehören dazu. Ein ummauerter alter Küchengarten liefert die Grundlagen für die frisch zubereiteten Gerichte, die sich Besucher im hauseigenen Cafe schmecken lassen können.

Skulpturenpark mit wechselnden Ausstellungen

Pashley ManorPashley ManorDie aktuelle bildende Kunst wird zum zusätzlichen Besuchermagneten. Zeitgenössischen Bildhauern bietet sich hier eine Gelegenheit, ihre Arbeiten in idealer Umgebung zu präsentieren. Jedes Jahr gibt es eine neue Freiluftausstellung mit wechselnden Skulpturen , die spektakulärer Blickfang an den unterschiedlichsten Orten sind, vom sonnigen Rand eines Wasserbeckens, in dem sie sich spiegeln, bis zum Dämmerlicht des Waldes, in dem sie als magische Gestalten die Phantasie anregen.

Pashley ManorPashley ManorNicht weit entfernt lag das dritte Ziel des Tages, wieder einmal eines der bedeutenden National-Trust- Objekte, „Scotney Castle Garden“. An Geschichte mangelt es nicht: aus dem 14. Jahrhundert stammt die ursprüngliche Burg, eine romantische, (echte) Ruine mit Wehrturm und Gräfte, ein wahres Spuk-Märchenschloss, neben dem ein „Neubau“, ein Landschloss aus viktorianischer Zeit, errichtet wurde. Der Park ringsum zeigt: Bescheidenheit war nicht der Stil der früheren Besitzer. 770 acres Land gehören dazu (siehe Bild links unten).

Kein alter, englischer Landsitz aus feudaler Zeit ohne mindestens ein  Geheimnis: Über Geister lässt die Chronik nichts verlauten, aber es gibt eine versteckte Tür in der Bibliothek, getarnt als Bücherregal. Kein Wunder, dass dieses Gebäude schon als Filmkulisse diente…

Scotney CastleScotney Castle

 

 

 

 

 

 


Eine der besten Adressen zum Schluss

Der Tag der Rückfahrt wurde mit der Besichtigung einer weiteren „großen“ Adresse begonnen, ein krönender Abschluss für die Reise: „Great Dixter“. Das in Northam, Ost-Sussex, gelegene Anwesen fasziniert Architektur-Fans ebenso wie Garten-Enthusiasten.

Great DixterGreat Dixter

Es ist das Werk zweier berühmter Männer. Der Gärtner und Gartenschriftsteller Christopher Lloyd, sein Besitzer, gestaltete die Außenanlagen nach seinem Einzug. Der Architekt Edward Lutyens renovierte und ergänzte den ursprünglich aus drei Gebäuden bestehenden Komplex. Das erste Haus auf dem Gelände stammt aus dem 15. Jahrhundert. Lutyens ergänzte es 1912 durch ein abmontiertes Fachwerkgebäude aus dem 16. Jahrhundert  und verband alles durch eigene Entwürfe. Dabei beschränkte er sich nicht nur auf das Haus. Sogar die Möbel  ließ er passend anfertigen.

Great DixterGreat Dixter

Nachdem die Familie Lloyd hier eingezogen war, entstanden die Gärten in ihrer noch heute zu bewundernden Vielfalt. 19 verschiedene Gestaltungen ließ sich der neue Hausherr einfallen: der Senkgarten, Mauergarten, Katzengarten (!), das „Long Border“ oder die Prärie, um nur einige zu nennen. Kein Zweifel: Great Dixter gehört zum „Must“ für jeden Gartenliebhaber, der England besucht.

 

 

 

 


Fotos (bis auf die Rhododendron-Töpfe im Bus) : Reichel


Einzeln unterwegs

Wenn Du einsam spazierst,
lass Blicke schweifen;
und wenn sie nur das Ferne streifen.
Alles, was sie je berühren,
sollen sie Dir zu Herzen führen
und es Dir wie Deinesgleichen
als stillen Gefährten zur Seite reichen:

Dir wird der Himmel den Du siehst,
zum Blau aus dem Dein Auge ist.
Dir wird der hingestreckte Ast
zum Arm, nach dessen Hand du fasst.
Dir wird der Wind, der in den Blättern knistert
zum Gegenüber, das dir flüstert,
wie EINZELN Du auch immer seist,
begleitet Dich der Weltengeist.

Cornelia Schneider