Alles essbar?

Die Guerilla liebt das Rosenbeet

Der Giersch-Invasion kann man auch nette Seiten abgewinnen

Gewöhnlicher GierschGewöhnlicher Giersch
(Aegopodium podagraria)
Das Frühjahr geht seinem Ende zu, die Blütensaison in Natur und Garten strebt ihrem zweiten Höhepunkt entgegen: Die Zeit der Rosen beginnt. Gleichzeitig erscheint neben so mancher Königin überraschend ein Begleiter, der aussieht, als habe ihn eine Floristin extra dort platziert. Zierlich und weiß sind die Blütendolden über gefiederten, tiefgrünen Blättern, ein dekorativer Kontrast zur rundlichen, üppigen Rosa. Doch der Anblick ruft kaum Begeisterung hervor, eher einen Schreckensschrei. Warum? Die Begleitung ist nicht nur ungeplant, sondern komplett unerwünscht. Die unschuldig weißen Dolden gehören zu einem gefürchteten Eindringling namens Giersch.

Aegopodium podagraria, so der botanische Name der in Gärten häufigen Wildstaude, bringt die Freunde adrett gestalteter Beete zur Verzweiflung, aber nicht nur die. Selbst wer naturnahen Anblick, dicht bepflanzte Staudenflächen und Gehölze liebt, weiß, wenn er einmal Fuß gefasst hat, wird man ihn so schnell nicht wieder los. Seine Durchsetzungsfähigkeit und Eroberer-Qualitäten sind legendär. Sogar in zeitgenössischen Gedichten ist er bereits besungen worden. Dabei gibt er mehr den Helden der dunklen Seite, den Guerilla-Kämpfer als den Sympathieträger. Sein Lebensraum ist der Untergrund.  Dort ist er einer der erfolgreichsten Partisanen im Pflanzenreich. Sein dichtes, Ausläufer treibendes Wurzelwerk ist dafür verantwortlich. Es ist leicht ausziehbar, zart, weiß, aber brüchig wie Glas. Aus jedem verbliebenen Reststück wächst ein neues Giersch-Exemplar heran.

Giersch

Unkrautjäten bringt Frisches für die Küche

Dabei ist er nicht hässlich anzusehen, sticht und brennt nicht, ist zudem nicht nur ungiftig, sondern ein mild schmeckendes Wildgemüse. Früher glaubte man, er helfe gegen die Gicht. Das konnte allerdings nicht nachgewiesen werden, daher wird er heute nicht mehr als Arzneimittel geführt. Aber als Salat- oder Wildspinat ist er durchaus empfehlenswert. Der Geschmack ist nicht ausgeprägt; die oft zitierte Petersilien-Ähnlichkeit eher schwach wahrnehmbar.
Wer einmal pro Woche Giersch auszupft, um ihn aufzuessen, schafft mehr als Unkraut zu jäten, gewinnt außerdem ein kostenloses in der ganzen frostfreien Zeit vorhandenes Dauergemüse.

Dass Aegopodium podagraria sich gern in Rosenbeeten tummelt, hat übrigens einen einfachen Grund: Beide lieben kräftige, stickstoffhaltige Böden. Wer mehr zum Thema erfahren möchte, und sich lieber freut als zu verzweifeln wird in dieser Rubrik der Gartenansichten unter dem Titel „Gärtnern mit Giersch: Mit dem Feind Freundschaft schließen“ fündig.

Foto: Monika Zybon-Biermann


Wonach Blumen duften

Blumen duften
nach Seelenpirouetten
nach Sonnenfarben
nach Schokoladenlippen
und blauen Brombeeraugen.

Cornelia Schneider