Gut geplant

Gärtnern mit Giersch: Mit dem Feind Freundschaft schließen

Prof. Bouillon plädiert für friedliche Koexistenz

Prof. Jürgen BouillonProf. Jürgen BouillonHand aufs Herz: Haben Sie Giersch im Garten? Wirklich nicht? Dann sind Sie ein Glückspilz. Dass die meisten mit Aegopodium podagraria ihre Probleme haben, bewiesen die vielen Besucher, die sich zum Vortrag von Prof. Dr. Jürgen M. Bouillon (Bild rechts) im Botanischen Garten Rombergpark einfanden. "Freuen statt verzweifeln" ist die Devise, mit der sich der Dozent der Fachhochschule Osnabrück der Herausforderung stellt, selbst bei starkem Gierschbestand noch anspruchsvolle Staudengärten zu gestalten, - und das, ohne zur chemischen Keule greifen zu müssen.

Die erste Voraussetzung für eine erfolgreiche Auseinandersetzung mit einem starken Konkurrenten ist, ihn kennen zu lernen. Warum sucht dieser lebenskräftige Untergrundkämpfer so gern unsere Gärten heim? Giersch ist eine Pflanze für gestörte Standorte. Machen wir uns nichts vor: menschliche Pflegemaßnahmen sind für die Natur Eingriffe, nicht anders als wühlende Wildschweine, die sich ein Schlammbad anlegen oder durch Überschwemmung abbrechende Flussufer. Objektiv betrachtet, ist der schmackhafte und früher als heilkräftig betrachtete Doldenblütler ein hübscher Bursche, mit wohlgeformten Blättchen im Frühjahr und später sehr ansehnlichen weißen Blütenschirmen. Danach wird er merklich schäbiger, braun, schrumpelig, sät sich aus und treibt Ausläufer im Rekordtempo. Ein paar Wochen nicht aufgepasst und schon ist das Staudenbeet erobert und zartere Gewächse verdrängt. Hacken und Jäten sind gute Vermehrungsmethoden. Seine Wurzeln brechen wie Glas und jedes Stückchen wird zur neuen Pflanze. Die einzige Methode, ihn komplett zu eliminieren - außer ihn zu vergiften (imn Hausgarten kaum erwünscht) - ist, ihn mittels Mulchfolie über einen längeren Zeitraum von Licht und Nährstoffaufnahme abzuschneiden. Beides ist nicht überall möglich, zum Beispiel am Rand wertvoller Gehölze, die auf keinen Fall mit umgebracht werden sollen.

HemerocallisFelberich und TaglilieEs bleibt kaum anderes, als sich mit seiner Existenz abzufinden und das Beste daraus zu machen. Man könnte ihn am feuchten Gehölzrand mit robusten Frühblühern wie Bärlauch oder Hasenglöckchen unterpflanzen, die vor ihm blühen. Den unansehnlichen Anblick im Sommer, so rät Prof. Bouillon, verbirgt man am besten mit hoch wachsenden Stauden. Es gibt eine ganze Reihe, die - je nach Standort - in Frage kommt: Waldgeißbart, Mädesüß, Blutweiderich, Baldrian, Straußfarn, Himalaja-Wolfsmilch, die heimische Sumpf-Iris, Inula-Arten, Darmera, die große Kaukasus-Glockenblume Campanula lactiflora, die Taglilien, robuste Hemerocallis-Arten, Felberich (siehe Bild links), Schafgarbe und Schuppenkopf gehören dazu.

Der Referent nahm kein Blatt vor den Mund. Dass etliche der vorgeschlagenen Giersch-Begleiter selbst aggressive Land-Eroberer sein können, leugnete er nicht: "Für solche Zwecke sind zahme Hunde weniger zu gebrauchen als Wölfe."

Der Mut zum Gärtnern mit Giersch scheint lohnend: die Fotos von Staudenpflanzungen, die zum Teil von Prof. Bouillon, zum Teil von seiner Frau entworfen wurden, zeigen ästhetische Bilder. Im Sommer ist Meister Aegopodium unsichtbar. Wer auf Dauer mit dem unheimlichen Typen klarkommen will, muss ihm allerdings Grenzen setzen - mit einer tiefen Rhizomsperre. Und es sei gut, sich keine Illusionen zu machen, empfiehlt der Osnabrücker Fachmann: "Lazy Gardening ist nicht empfehlenswert." Gelegentlich müsse man nach dem Rechten sehen, denn die natürlichen Begleiter des Hauptdarstellers im Gartendrama sind Klettenlabkraut, Zaunwinde und Brennessel, die regelmäßig entfernt werden müssen, "denn gegen die nimmt sich Giersch geradezu harmlos aus..." (siehe auch unseren Bericht "Die Guerilla liebt das Rosenbeet").


Fotos: Monika Zybon-Biermann


Wildwuchs-Empörung

Es braucht ein Gitter zur Zucht der Ranken,
gegen ungerichtetes Schwanken.
Wildes wachsen in alle Queren
ist ganz natürlich zu verwehren.
Wie sehe es aus in Müllers Gewächsen,
ließe man sie einfach sprießen,
und würde man sie nicht zum Letzten
eines jeden Monats gießen.
Sie wüchsen ja am Ende noch
– wie es ihnen gut bekäme –
ungezähmt zum Himmel hoch
Welche Schande, welche Häme!

Cornelia Schneider