Natur und Garten

Botanische Wissenschaft bringt Weltbild ins Wanken

Der Name der Pflanze kann morgen ein anderer sein

BrombeerenDer Name der Pflanze: er hat lateinische, griechische oder neuerdings manchmal englische Wurzeln. Geht es um die botanische Nomenklatur, so Biogeograph Dr. Götz H. Loos, wird man sich zunächst an Bekanntes erinnern (falls das Schulwissen nicht in Vergessenheit geraten sein sollte). Doch es gibt keinen Zweifel. Viel Altvertrautes muss über Bord geworfen werden. Der Wissenschaftler der Ruhr-Uni (Bild) macht deutlich: Wenn es um die Zuordnung von Pflanzen geht, sind heute Überraschungen an der Tagesordnung.

Was man früher für selbstverständlich hielt, nämlich dass alle Blütenpflanzen sich geschlechtlich vermehren, stimmt gar nicht immer. Die Gattung Rubus, zu der Brombeeren (Bild) und Himbeeren gehören, bilden Früchte aus Körperzellen.

Dr. Goetz H. LoosSeit Carl von Linné 1753 seine "Species Plantarum" veröffentlichte, gilt die binäre (paarweise) Nomenklatur (Namens-Inventarisierung). Sie besteht seitdem aus dem groß geschriebenen Gattungsnamen (die Kennzeichnung der näheren Verwandtschaft) und dem klein geschriebenen Art-Epitheton (Art-Zugehörigkeit).

Was sich grundlegend geändert hat, ist die Sicht auf das, was eine Pflanze ist. So heißt es jetzt:  "Internationaler Code der Nomenklatur (ICN) für Algen, Pilze und Pflanzen". Pilze und viele Algen werden inzwischen als andere Organismengruppen betrachtet. Zudem decken moderne Untersuchungsmethoden wahre Verwandschaftsverhältnisse auf:

Nicht, dass für jedes Pflänzchen der gesamte Gencode entschlüsselt werden könnte. "Viel zu teuer", bekennt Dr. Loos. Biologen fanden einen kostengünstigeren Weg. Nur eine "konservative" (gleich bleibende) Sequenz der Erbsubstanz wird unter die Lupe genommen und mit den Ergebnissen der Verwandtschaft verglichen. Die Konsequenz ist oft gravierend. Mancher Kandidat wurde der falschen Sippe untergeschoben.

Ähnlichkeiten im optischen Erscheinungsbild (Phänotyp) führten in die Irre. Wer hätte geglaubt, dass der weiche Frauenmantel Alchemilla mollis mit den Fingerkräutern (Potentilla) verwandt ist? Die zarten kleinen, selten gewordenen Gauchheilarten Anagallis foemina und arvensis mit ihren roten und blauen Blüten haben unerwartet eine gelb blühende Kusine bekommen, Anagallis nemorum. Die war bisher den Gilbweiderichen zugerechnet worden und hieß Lysimachia nemorum.

Sicher ist: Vieles ist im Umbruch, noch wenig geklärt. Sogar dass Blütenpflanzen sich geschlechtlich vermehren, stimmt nicht immer: Das oben erwähnte Beispiel für asexuelle Fortpflanzung bei Brombeeren und Himbeeren wird vermutlich an ihrer Beliebtheit als Naschobst kaum etwas ändern,auch wenn die Früchte aus Körperzellen entstehen. Und ihre Blüten haben trotzdem jede Menge Besuch von Bienen, Wildbienen und Hummeln, 

Es geht spannend weiter in Sachen botanische Nomenklatur, das ist gewiss. Manches scheint jedoch unverändert  -  und das ist das komplizierte Regelwerk um die richtige Art der Namensgebung und die Schreibweise. Da seufzt selbst ein Profi wie Dr. Loos über "unheimlich viel Bürokratie für ein paar Pflänzchen".


Porträt: Monika Zybon-Biermann